Zeigefinger und Mittelfinger zeigen senkrecht, zueinander parallel verlaufend nach oben; Daumen und Ringfinger, eventuell auch der kleine Finger berühren sich; die Handfläche ist dem Körper ab-, der Handrücken dem Körper zugewandt: Die Geste des Schwörens ist eindeutig. Werden nun Zeigefinger und Mittelfinger auseinander gespreizt und damit zu einem V geformt, wird daraus die so genannte Victory-Geste, die Geste für den Sieg. Ändert man die Orientierung der Handfläche und wendet sie dem Körper zu, den Handrücken also vom Körper weg, kann man mit dieser Geste in jedem Biergarten Deutschlands zwei Maß bestellen.
Olivia Berckemeyer ist an diesen minimalen Verschiebungen interessiert, die wie hier einen ethisch-performativen Akt in eine Machtgeste und schließlich in eine Biergarten-Attitüde kippen lassen. Bereits in ihren früheren Arbeiten zeigt sie die Brüchigkeit machtvoller, meist männlicher Inszenierungen auch in der Kunstgeschichte, in dem sie ihre Symbole aus Glitter, Lackfolie und Schnapsflaschen beispielsweise als Bar oder Bouteilles-en-valise nachstellt. Nun hat Berckemeyer eine Vielzahl von Gesten gesammelt meist handelt es sich um Überlegenheitsgesten, die zu Posen erstarrt ihre eigene Symbolik verstärken oder gar pathetisch erhöhen. Berckemeyer formt sie aus gehärtetem Wachs mit fließend-tropfenden, stumpfen und daher weich wirkenden Oberflächen. Theatralisch mit verschiedenen Requisiten und Kulissen bzw. verkleideten Sockeln inszeniert, lässt die Künstlerin sie zwischen Kitsch und Bedrohung changieren und spielt ihre Grammatik durch.
Räumlich und visuell zugleich weisen Gesten eine spezifische Medialität auf, durch die sie besonders geeignet sind, Handlungen darzustellen. Lessing thematisiert dies in seinem Laokoon (Gotthold Ephraim Lessing, Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie, 1766). Und sein Versuch, die grundlegenden künstlerischen Unterschiede zwischen bildender Kunst und Literatur herauszuarbeiten, initiiert die bis heute virulente Laokoon-Debatte um die in der Zeit aufeinander folgenden und im Raum angeordneten Zeichen. Zeitlich-sukzessive Handlungen und räumlich-simultane Körper treffen vor allem im Theater als gestische Hervorhebungen zusammen; im Tableau Vivant, das die zu Posen erstarrten Gesten auf Gemälden in lebende Bilder mit atmenden Darstellern überträgt, verschmelzen Theater und bildende Kunst schließlich vollständig. Ein allzu pathetischer Ausdruck kippt in einem Tableau Vivant allerdings schnell ins Komische und in die entleerte Pose. Nicht umsonst inszenierte Goethe als flammender Diskutant von Lessings fruchtbarem Augenblick in seiner Weimarer Zeit so leidenschaftlich Tableaux Vivants. Von der Attitüde zunächst ein Terminus der Zeichenkunst, dann die Bezeichnung für die Solodarstellung als lebendes Bild sagte Goethe im Anschluss an Diderot: Überhaupt bedeutet Attitüde in der französischen, akademischen Kunstsprache, eine Stellung, die eine Handlung oder Gesinnung ausdrückt und insofern bedeutend ist. Weil nun aber die Stellungen akademischer Modelle dieses was von ihnen gefordert wird, nicht leisten, sondern nach der Natur der Aufgaben und Umstände, gewöhnlich anmaßlich leer, übertrieben, unzulänglich bleiben müssen, so gebraucht Diderot das Wort Attitüde hier im mißbilligenden Sinne, den wir auf kein Deutsches Wort übertragen können, wir müßten denn etwa akademische Stellung sagen wollen, wobei wir aber um nichts gebessert wären. (Johann Wolfgang von Goethe Diderots Versuch über die Mahlerey, Goethes Werke, Stuttgart: Cotta, 1830, Bd. 36, S. 245)
Konsequent setzt Berckemeyer zu Posen erstarrte Gesten als akademische Stellungen auf Sockel und zeigt in ihrer Pinakothek der Moderne die geballte 1968er-Faust auf einen Sockel mit amerikanischer Flagge neben zwei Hippies auf einem Sockel mit Sarong. Zeus geballte Faust mit Blitz kommt hier auf einem mit Michael Jackson-Teppich bekleideten Sockel zu stehen, die von einer Hand mit Messer auf Palästinenserschal getrennt wird durch eine Snoop Dogg-Figur mit doppelköpfigen Höllenhund. Snoop setzt seinen Fuß auf eine Bundeslandfahne, von der gerade noch Schwingen, Krallen und flammenzungiger Kopf eines Greifs zu sehen sind. In Mitten dieser testosterondampfenden Symbolik wird die schützende Hand Gottes auf einem polnischen Bauerntuch zur Kingkong-Pranke. Dahinter reckt sich eine braune Hand auf der Fahne eines Polizei-Schützenvereins zum Victory-Zeichen in die Höhe. Religiös konnotierte Figuren wie die christlichen Reiter der Apokalypse und muslimische Glaubenskrieger mit erhobenem Schwert reiten gemeinsam in die Schlacht der Machtposen.
Mit ihren Star-Porträts auf Nessel oder Papier zeigt Berckemeyer, dass Gesten und Posen in der visuell codierten Medienwelt bei der (Selbst-)Darstellung einer Person die Sprache übertönen und ersetzen. Die klassische Rhetorik benennt als die drei Überzeugungsmittel in der Rede Ethos, Logos und Pathos. Ethos bezieht seine Überzeugungskraft aus der Integrität des Sprechers, Logos aus der argumentativen Kraft und Pathos schließlich, der erhabene Stil, wirkt emotional appellierend auf das Publikum ein. In der Syntaktik der Medienbilder führen emotionale Symbolik und konsequentes Posieren zur Durchsetzung eines Bildes, dass über alle Worte erhaben ist. Gesten und Posen sind jedoch leere Variable in der Syntaktik der Medienbilder. Leicht wird aus Pathos Pathetik und Leidenschaft wird zu Geste, Pose, Phrase. Pathosformeln und Starallüren der Medienprominenz hat Berckemeyer mit ihren Porträts eingefangen. Sie stellt sie mit Kreiden in pastelligen Farben dar, für die sie - ebenfalls folgerichtig - Wein oder Bier als Fixativ verwendet.
Die von den Medien produzierten Stars sind die Helden von heute: Sie siegen, stürzen und erheben sich wieder. Berckemeyer variiert mit ihren Bildern und Skulpturen dieses Spiel. Dass die siegreichen Paris Hiltons und Britney Spears dieser Welt irgendwann stürzen, vielleicht in anderer Gestalt und unter einem anderen Namen, jedoch mit den gleichen Posen wieder auferstehen werden, weiß Olivia Berckemeyer und benennt die Pathosformel, die die drei Zeitekstasen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft aufs Engste zusammenfügt: Den Unbesiegten die Besiegten, die wieder siegen werden
Invictis Victi Victuri , oder den Nicht-Betrunkenen die Betrunkenen, die weiter trinken werden, oder so ähnlich.
Anna-Catharina Gebbers Berlin 2008
Anna-Catharina Gebbers ist Autorin und Kuratorin, die für zahlreiche internationale Institutionen, Galerien und Projekte Ausstellungen realisierte und u.a. für die Kulturzeitung Liebling als Redakteurin tätig ist.
In Berlin betreibt sie den interdisziplinären Ausstellungs- und Projektraum Anna-Catharina Gebbers | Bibliothekswohnung.