Eine künstlerische Schlittenfahrt durch das Clair-obscur
Glitter, Glitzerbilder und Katzensilber gehören in die Kategorie der populären Illuminationen. Was blinkt, das blickt. Der Reflex braucht eine Lichtquelle, um seine Reize entfalten zu können. Glühwürmchen gehen mit ihrer Bioluminiszenz auf Paarung aus und die Leuchtwerbung auf Kundenfang. Der Flitter, den man in Form von kleinen Pailletten aus Metall schlug Blättchen mit einem Loch in der Mitte benutzte man früher für Hochzeitshauben. Daher kommen die Flitterwochen. Aber auch zur Auszierung von Reliquien und Klosterarbeiten, kleinen Täfelchen mit Schriften und Devotionalien, die in Klöstern angefertigt wurde. Die Stadt des Flitters ist Nürnberg, die Heimatstadt Olivia Berkemeyers. Dort spezialisierten sich Legionen von Handwerkern auf diesen einträglichen Dekorationskram, der im zwanzigsten Jahrhundert aus Kunststoff imitiert wurde und meist der Körperillumination vor allem des weiblichen Körpers im Show-Geschäft diente. Mit der Möglichkeit, das Element Chrom durch elektrische Galvanisation als Dekorelement einzusetzen, versilberten und verchromten die Autohersteller ihre Luxuskarossen seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis heute. Die Versilberung und Vergoldung war in den Jahrhunderten zuvor auf Paläste und Kirchen beschränkt, aber schon Jahrhunderte und Jahrtausende zuvor waren blinkende Helme und Rüstungen das Wahrzeichen der Heerführer. Cäsar ehrte Kleopatra in Rom mit einer vergoldeten Skulptur. Aber wo Licht ist, da ist auch Schatten, oder: Licht gewinnt durch Schatten erst sein Leben. In der Kunst haben diesen Luminarismus nach Caravaggio, Rembrandt, Vermeer viele Genremaler des neunzehnten Jahrhunderts herausgearbeitet, ohne Erfolg. Denn die Avantgarde des zwanzigsten Jahrhunderts ging dem Helldunkel, dem sog. Clair-obscur, aus dem Weg, weil dieses automatisch einen Illusionismus erzeugt, den man nicht wollte, bis hin zur Pop Art, die es glänzen und strahlen ließ, ohne dass man nach dunkler Staffage verlangte. Ganz anders der Film, der bis heute sein Geheimnis und seine Spannung aus dem Helldunkel bezieht und damit leichter auf Mythen und Genres zurückgreifen kann.
Olivia Berckemeyer ließ sich von der Welt des Genres inspirieren und ist deshalb der Welt des Films näher, als jener der Moderne des schattenlosen Peter Schlemihl. Zur Welt des Glitzers setzte sie das archaische Tröpfeln von Wachs in der Form von Reitern (Vier apokalyptische Reiter, Husaren, Dragoner). Dabei hat man nicht nur die tropfenden Kerzenstöcke gotischer Kathedralen vor Augen, sondern auch die Kerzentropfsentimentalität von verräucherten Kneipen der siebziger Jahre oder die Gebilde aus Tropfstein, die man in den entsprechenden Höhlen bewundern kann mitsamt der verballhornenden Namensgebung durch Touristenführer.
Der wächserne Spuk, zum Teil auch in schwarzem und rotem Wachs, transmutierte bald in Bronze. Berckemeyer hat dem dunkel-dumpfen Glanz des Bronzenippes von Grossvaters Screibtisch durch Polieren einen Glanz hinzugefügt, der die Reiterfiguren als Erscheinungen aufblitzen lässt. E.T.A. Hofmann und Gogol stehen Pate, aber auch Horrorfilme wie Die Nacht der reitenden Leichen (Armando de Ossorio 1971) und Armee der Finsternis (Sam Raimi, 1993).
Olivia Berckemeyer lässt sogar den Bamberger Reiter und einen lädierten Lenin als Reiterfiguren antreten. Zum makabren Reiter gesellt sich das makabre Segelschiff, auch dieses einst in oder ohne Flasche, in Holz oder Bronze am Kaminsims. Dass es schon von den Segeln tropft, das sieht nach Fliegendem Holländer oder Fluch der Karibik aus.
Die Idee des Dunklen, Geheimnisvollen, Morbiden wird nur dadurch sichtbar, dass dieses in die Welt des Lichts eintritt, nicht nur ins Licht der plötzlich aus den Wolken hervorkommenden gleißenden Sonne, sondern ins unbarmherzige und permanente Licht der Kunstgalerie. Und weil das Neonlicht gnadenlos die Geheimnisse des Lebens und der Kunst ausleuchtet, hat die Künstlerin noch ein Motiv hinzugefügt, das aus der Welt des ganz und gar Dunklen stammt: das U-Boot.
Natürlich gibt es auch zu diesem Thema amerikanische B-Filme: Submerged Gefangen in eisigen Tiefen (2001) ; Below da unten hört dich niemand schreien (2002). Die Schiffe sind mittels zweier Pfeiler auf einen Sockel montiert, als seien sie gerade aus den geheimnisvollen Tiefen des Ozeans geborgen worden, der Schlamm tropft, und man weiß instinktiv: diese Schiffe sind aus dem Zweiten Weltkrieg und lagen bis jetzt in der eisigen Tiefe.
Olivia Berckemeyer setzt das Mittel der mythischen Zeit ein (wozu in der Rezeption auch der Zweite Weltkrieg gehört), um das Genre der Kleinskulptur neu auf den Sockel zu bringen. Da ist dann der permanente Kunstdruck des Ready-Made kaum zu spüren, sondern Prozesse romantischer Jugenderinnerung werden aus dem Unterbewusstsein in die Kunstgegenwart zurückbeordert, wo ihre abschmelzende Erinnerung unter dem kalten Licht zu erstarren scheint. Der rational erlebbaren Verniedlichung antwortet auf emotionaler Seite eine dumpfe Drohung. Man kann diese dunkle Seite, den Schock von Fantasy und Mythos, nicht aus der Glitzerwelt der Pop-Nostalgie eliminieren. Denn er kann erst in ihr sichtbar werden.
Ein anderes Beispiel zeigt sehr wohl, dass es nicht um Ready-Made und Animation geht, sondern dass die Ursachen tiefer liegen. Es ist die Ambiguität zwischen Maschine und Lebewesen, artifizieller Künstlichkeit und Spontaneität der mimetischen Fähigkeiten. Die Schwadron der Kampfbomber, die zum formierten Sturzflug ansetzt ist wie ein Schwarm von Vögeln. Und die Arbeit heißt auch Zehn Vögel von oben. Schwärme- Kollektive ohne Zentrum nennen E.Horn und M.Gisi ihr neu herausgegebenes Buch. Olivia Berckemeyers Skulpturen erscheinen wie fremdgesteuerte Wesen, die von geheimen Mächten angetrieben werden, die nicht auszumachen sind. Das kapitalste Stück dieser Art ist die Skulptur Ludwig. Der einsame melancholische Bayernkönig sitzt kutschierend auf seinem Prunkschlitten, der von einem Pferde gezogen wird. Es könnte auch Nietzsche, Orson Welles oder Iwan Rebroff sein. Vorlage ist das bekannte Bild von R.Wenig von 1885, wo Ludwig II. allerdings in einem pompösen Vierspänner-Schlitten mit Vorreiter sitzt. Das erste Gefährt mit elektrischem Licht, wie man weiß. Die legendären Schlittenfahrten zwischen den neuerbauten nahegelegenen Königsschlössern Neuschwanstein und Linderhof fanden Nächtens statt. Düsternis und Einsamkeit sind demnach die psychologischen Momente der Statuette. Das Gesicht ist mittels Legierung fahl herausgearbeitet. Er ist einer wie Dante, der durch das Inferno zieht oder Wotan auf der Wilden Jagd. Fast apathisch verbleibt er im Morast des Hades und bedarf nicht irgendeiner Erlösung.
Veit Loers